2003: I de letschte Züg

1998, ja das waren noch Zeiten. „Wer schifft schon gern auf Schienen“ lautete das Thema
der damaligen Plakette. Angesprochen wurden die Wasservelos, die anstelle der Züge auf
den Schienen hätten verkehren können. Und nun, nur kümmerliche fünf Jahre später sind wir
„i de letschte Züg“. Jawohl, so schnell kann es soweit kommen.
Die Plakette 2003 von Flavia Travaglini (es ist die zehnte und auch gleich die letzte aus ihrer
Feder) thematisiert noch einmal die Entwicklung rund um den Bahnbetrieb, genauer die Neukonzeption
des Bahnhofs von Türmliwil. Während der bisherige Bahnhof aufs Abstellgeleis
geschoben, d.h. ausrangiert wird, präsentiert sich die neue Bahnhaltestelle – sie wird in
Natura aus Glas und Stahl bestehen – in ihrer durchdesignten Art. Angeordnet wird das ganze
Neukonzept in Bern, daher der verkleidete (Berner) Bär, der nicht nur als Billettknipser amtet,
sondern vielmehr zum Schicksalsbestimmer wird: Er sagt, wer wem Platz zu machen hat. Mit
der Realisierung des neuen Gebäudes wird der Bahnbetrieb auf Fernsteuerung umgestellt.
Ein Geisterbahnhof also. Und dabei wusste doch bereits der Zauberlehrling, dass man die
Geister, die man ruft, unter Umständen nicht mehr los wird. Ferngesteuert werden wir in
Kürze in Büren also sein (als ob wir in unserer Zeit nicht schon genug von irgendwelchen weit
entfernten Kräften gelenkt würden). Kein Personal mehr am Schalter, nichts Persönliches, Billette
aus dem Automaten, alles wird abgeschafft, wieso nicht auch gleich die Bahnreisenden
selber? Dafür wird im Gegenzug auf Transparenz gemacht. Der Neubau ist als durchsichtiges
Gebäude konzipiert. Transparenz und Fernsteuerung, wenn das nicht im Widerspruch steht.
Aber das Bild macht es deutlich: die neue Haltestelle (mehr als das ist es beileibe nicht) steht
eindeutig neben den Schienen. Während dem guten alten Bahnhof – der seinen Namen noch
verdiente – der Strom ausgezogen wird, präsentiert sich der Neue mit einer Weiche auf dem
(Flach)dach, Diese ist nicht nur als Lichtquelle, sondern durchaus in ihrer Symbolik zu sehen:
Sind die Weichen für die Zukunft tatsächlich richtig gestellt. Das bleibt zu hoffen. Das Wort
„Nöijohr“ deutet es an: das neue Jahr bringt vielleicht doch noch Erkenntnisse z.B., dass
Bisheriges nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit unbrauchbar, resp. dass das vermeintlich
Moderne nur allzu oft nicht hält was es verspricht.